Warum Datalove nicht Post-Privacy ist

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Ein neues Gespenst geht durch das Datenschutzland. Post-Privacy heißt es und erschreckt die Datenschützer. Ich will mich dazu gar nicht weiter auslassen, denn dazu gibt es schon genug Stimmen (u.a. bei der gleichnamigen Spackeria, bei mspro und die google Suche spuckt da auch noch viel aus).

Gleichzeitg geht eine Vision durchs Netz: Datalove. Entwickelt und aufgeschrieben von Telecomix-Agenten und zuerst nur als Interfax veröffentlicht, haben Mitglieder von Telecomix eine Seite gebaut und veröffentlicht, um den „Spirit“ hinter Datalove weiter zu verbreiten: datalove.me

 

Durch einige missverständliche Äußerungen in einem Artikel der Spackeria wird nun gerne beides in einen Topf geworfen. Auf der Seite heisst es „Die Prinzipien sind ohne Zweifel Spackeria-kompatibel und allein schon  deswegen beobachten wir gespannt, was sich dort entwickelt.“, was dann wohl für die Ennomane Grund genug war, das auch fleissig zu vermengen. Immerhin Grund genug, einen „About“-Text mit auf die Seite zu stellen.

Das ist ja jetzt schon alles zwei Wochen her und im Internet ein alter Hut und eigentlich spricht auch keiner mehr darüber. Nur die paar Menschen, die den Chatraum joinen und anfangen, zu diskutieren, warum die Krankenakte nicht darunter fallen oder der Arbeitgeber nicht alles wissen darf. Bei den Diskussionen um die „Principles of datalove“ zergeht man sich an kleinen Fallbeispielen. Fast keiner versucht, das Ganze dahinter zu ergründen. Um diesen im deutschsprachigen Raum vorzubeugen, will ich es hier versuchen.

 

Der Begriff „Datalove“ taucht bei Telecomix erstmalig dokumentiert im November 2009 auf. In einem Interfax erklärt die Gruppe, wie man eine gleichartige Gruppe aufbauen beziehungsweise kopieren kann. Weite Teile des Interfax, in denen datalove oder data vorkommt, lassen sich mit dem Hitnergrund verstehen, dass  Telecomix und Werebuild von Aktivisten formiert wurde, die auch das kopimi Manifest geschrieben haben.
Keinem bei Telecomix geht es um die persönlichen Datensätze. Es sind nicht nur Internauten, es sind Ciphernauten – Verschlüsselung wo es nur geht, warum soll ein Telecomix Agent persönliche Daten haben wollen?

 

Aber zurück zu Datalove. Datalove ist die Liebe zu jedem einzelnen Datum, das sich im Netz befindet. Einmal freie Daten darf der Weg nicht versperrt werden, sie dürfen nicht geblockt werden und sie dürfen vor allem nicht gelöscht werden. Dies ist der Antrieb, warum die Telecomix Aktivisten das streisand.me Projekt betreiben, warum sie Dial up points eingerichtet haben und warum sie Methoden erklären, wie man Firewalls umgehen kann.

 

„Work on free communication – we do it for the datalove“.

 

Daten müssen frei sein, damit sie kopiert werden können, damit Neues daraus erschaffen werden kann „Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen“, wurde einmal als Teil der Hackerethik postuliert. Wir postulieren, dass man das Gleiche mit Daten tun kann. Jedwede Kommunikation, sei sie auf ein Blatt Papier geschrieben, in ein Chatfenster oder eine Email getippt oder durch Musik transportiert besteht nur aus Daten, die wir aufnehmen und verarbeiten können, aus der jeder Rezipient für sich selbst eine Information daraus gewinne, selbst wenn die Information einfach nur „Das ist unfug“ lautet. Das können wir aber nicht mehr tun, wenn die Daten, die da sind, nicht mehr frei sind.

 

Vermutlich wirft dieser Text wieder mehr Fragen auf als er Antworten gibt. Ich freue mich darauf, sie zu beantworten.

13 Antworten zu “Warum Datalove nicht Post-Privacy ist”

  1. Bernd sagt:

    … und das Problem wird durch deine Worte Stephan nicht wirklich besser. Auch bei der Rasterfahndung geht es oft um Daten die schon da sind und das Problem entsteht durch die ungehinderte Nutzung und Verknüpfung. Genau diese ungehinderte Nutzung und der dadurch entstehende Mehrwert berührt all zu oft das was man als Recht auf seine Daten und die Privatsphäre begreift.
    Ist halt wieder so ein Ding, von einem Standpunkt in eine Richtung gekuckt schaut alles recht nett aus, aber sobald man den Kopf zur Seite dreht um den Horizont zu erweitern, den Blickwinkel zu ändern, erkennt man Dinge, die den Standpunkt als problematisch entlarven.

    • Stephan Urbach sagt:

      Du bist schon eine Ebene weiter. Was du ansprichst ist das, was der mensch daraus macht. Das hat nichts mit dem Datum an und für sich zu tun, sondern damit, dass eine Ermittlugnsbehörde diese Daten zusammen führen und verwenden darf, um daraus Informationen zu gewinnen. Auch solche, die NICHT derart gestaltet sind, dass sie sich in geschlossenen Systemem befinden. Es ergeht mitnichten eine Forderung nach Öffnung aller Systeme hervor. „No […] shall interrupt the flow of data“ heisst mitnichten, dass alle Systeme vernetzt werden müssen. Wir sprechen immer von dem „öffentlichen“ Netz. Denn das ist die Ebene, in der Telecomix agiert und arbeitet. Dort darf das nicht passieren.

  2. Locke sagt:

    @Bernd: Das erheben von privaten Daten zur Rasterfahndung ist nicht datalove.

  3. Streitsucht sagt:

    @Bernd: Weißt du, man kann auch immer nur das negative sehen.

    Auch die Demokratie ist gefährlich, denn man kann demokratisch entscheiden, dass ein Mensch zum Tode verurteilt wird. Liegt das in der Natur der Demokratie? Nein, natürlich nicht. Und damit so etwas nicht auftritt haben wir unser Grundgesetzt.

    Und genau so sieht es hier aus. Daten müssen unabhängig von ihrem Inhalt frei fließen können. Genauso, wie es freie Wahlen braucht. WAS für Daten da fließen und WER sie erstellt und verteilt, das ist eine komplett andere Sache, die über Gesetze reguliert werden können.

  4. Bernd sagt:

    Ihr habt ja alle Recht und wenn ich nur in eine Richtung kucke, dann sehe ich wirklich nur den schönen Sonnenaufgang, die Vision, die auch ich in mir trage, … und nicht die Probleme, die in der Realität hinter meinem Rücken verborgen liegen.
    So versuche ich immer Forderungen im Einzelfall auf die Allgemeingültigkeit zu checken, … und dann erkennt man oft erst die Probleme.
    Leider haben wir heute viele Probleme, die genau aufgrund dieser „üblichen“ isolierten Betrachtung entstanden sind.

  5. Stephan Urbach sagt:

    Es geht nicht um eine Vision, sondern um ein Postulat. Die „Principles of Datalove“ sind ein Postulat, wie Telecomix Agenten das betrachten, was ihr Antrieb ist, den ganzen Kram zu machen. Das ist eine Ebene über dem, was du hier anführst. Rasterfahnung ist das Zusammenführen von Daten, die eben nicht zusammen gehören. „Use data“ meint genau das aber nicht. Es steht norgendwo, dass Daten aus geschlossenen Systemen befreit werden müssen, damit man sie zusammen führt. Genau das macht die Rasterfahndung aber. Geschlossene Systeme haben einen Gund, warum sie geschlossen sind. Das Internet ist aber ein offenes System, und da gilt: Datalove.

  6. Streitsucht sagt:

    @Bernd Nein, das Problem ist hier nicht in Richtungen zu sehen, sondern in Schichten.

    Die unterste Schicht, ist die, auf der die Informationen übertragen werden, auch Internet genannt. Auf dieser Schicht darf es keine Beschränkung des Datenflusses geben. Auf die nimmt datalove Bezug, wenn ich das richtig verstanden habe.

    Darüber kommt die Schicht der Computer im Netzwerk. Da das Maschinen sind, ist denen erstmal egal, was an Daten anfällt. Interessant wird es an der obersten Schicht, den Benutzern. Was der an Daten produziert kann per Gesetz eingeschränkt werden. (Und dazu zählen Vorratsdaten, Verleumdung, etc.)

  7. Bernd sagt:

    @Streitsucht

    Auf Transportschicht der Pakete darf es keine Unterscheidung und auch keine Beschränkung geben, da bin ich voll bei dir.
    Auch wenn in der Praxis bereits heute ein Paket aus aus gutem Grund besser behandelt wird als andere..
    denn mir ist es wichtig, dass ich ohne grosse Verzögerung Sprachdaten über die Router schieben kann und bei der Mail warte ich gerne ein paar Millisekunden länger.

    Leider schreibt Stefan vom Datum an sich, nicht vom Datenpaket, das sind für mich 2 paar Schuhe.
    und weiter Einmal freie Daten darf der Weg nicht versperrt werden, sie dürfen nicht geblockt werden und sie dürfen vor allem nicht gelöscht werden.“
    das klingt leider nicht nachdem was du schreibst.

    und weiter:

    „Daten müssen frei sein, damit sie kopiert werden können, damit Neues daraus erschaffen werden kann …Wir postulieren, dass man das Gleiche mit Daten tun kann. Jedwede Kommunikation,…besteht nur aus Daten, die wir aufnehmen und verarbeiten können, aus der jeder Recipient für sich selbst eine Information daraus gewinne,“

    Und das ist genau das was ich skizziert habe und hat nichts mit der unteren Ebene mehr zu tun.

    @Stefan, die Freiheit die du skizzierst beinhaltet dann auch die Freiheit die Daten zusammen zu führen, zumindest entdecke ich kein Milligramm der Einschränkung, – im Gegenteil, siehe Zitat.
    Somit stimmt deine Aussage: “ Rasterfahnung ist das Zusammenführen von Daten, die eben nicht zusammen gehören.“ nicht mit deinen „Postulat“ zusammen

    • Stephan Urbach sagt:

      Fehler in deinem Denksystem: Du gehst imme rnoch von einer technischen Ebene aus. Über die sagen wir aber eigentlich gar nichts. Wir reden von Daten und im „About“ Text auf datalove.me steht, um was es sich eigentlich dreht. Kommunikation. Das kann Sprache sein, eine Email, ein Tweet oder auch Gesang. Da Du auf der technischen Ebene bleiben willst, ist für mich EOD, da wir eh nicht weiter kommen.

  8. tarzun sagt:

    Bernd, Du bist nicht zufällig „Pirat“? Deine Argumentation folgt dem piratigen Dreiklang aus ADHS, kognitiver Dissonanz und Dunning-Kruger: Für sich genommen nicht komplett falsch, aber letztlich bei offenbar unverstandener Diskussionsvorlage am eigentlichen Thema völlig vorbei und die eigene Meinung als „richtig“ postulierend, unfähig zur Empathie die Aussage des Gegenübers in *seinem* Kontext wahr- und aufzunehmen und *darauf* basierend zu kritisieren/diskutieren.

  9. Jonas sagt:

    Hier sollte eigentlich was über Piraten, deutschsein usw. stehen.
    Aber ich freue mich lieber!

    datalove <3 – weil ich jedes einzelne Päckchen liebe, selbst IPsec!

  10. […] eingerichtet haben und warum sie Methoden erklären, wie man Firewalls umgehen kann.“ (Link: datalove ist nicht postprivacy) Es gibt aber noch einen weiteren Schwerpunkt, der so titulierten Postprivacy Spackos, der meist […]

  11. Wound sagt:

    Mein Problem mit dieser Datalove-Sache ist die Unueberpruefbarkeit von Wahrheit. Daten an sich sind ja erstmal nichts anderes als Rauschen, bis zu dem Zeitpunkt, wo man irgendeine Form der Interpretation durchführt und Information daraus zieht. Durch beliebige Wahl von Semantiken auf beliebigem Input kann man also wahlweise eine Informationsquelle gezielt einfärben oder einfach alles daraus Schlussfolgern.

    Einerseits ergibt sich daraus zwar ein Schutz für den Einzelnen, denn wenn die Erkenntnis der Unverlässlichkeit von Information in das Geimeinbewusstsein vordränge, würde sich niemand mehr auf Daten verlassen. Andererseits würde sich daraufhin das gesamte Web in einer Logikwolke auflösen. Aber das wird nicht geschehen. Warum? Weil Wahrheit komplex und subjektiv ist und aus dem puren Datenstrom jeder nur das herauslesen würde, was er/sie unterbewusst schon zu wissen glaubt, weil es ins eigene Weltbild, die aktuelle Stimmung, den Trend der Zeit, oder die akzeptierte Meinung des sozialen Umfelds passt..

    Deshalb, berauscht Euch an der Schönheit im Rauschen, aber glaubt sie nicht!

    Euer Wound

    P.S.: Ach und übrigens, alles was geschieht hinterlässt Spuren, jede Handlung erzeugt Daten, auch das Löschen selbst.

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