Ethik, die keine ist

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Seit sich das Netz immer weiter politisiert, wird als Handlungsempfehlung für politische Entscheidungen oft sehr gerne die Hackerethik, wie sie auf Seiten des CCC verkündet wird, ins Spiel gebracht. Diese, so die Vertreter, sei ausreichend, um politisches Handeln zu begründen. Sie wird in die Rolle echter Ethik gepresst.

 

Was ist das eigentlich, Ethik? Wikipedia hat das schön zusammen gefasst: «Sie soll dem Menschen (in einer immer unüberschaubarer werdenden Welt) Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen liefern.» Auch die philosophische Fragestellung zu Ethik wird dort geliefert: «Die philosophische Disziplin Ethik […] sucht nach Antworten auf die Frage, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden soll – also: „Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten?“ Die einfachste und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“»

 

Diese Fragen kann die Hackerethik gar nicht beantworten, denn sie ist wenn überhaupt eine Arbeitsethik. Als «Arbeitsethik bezeichnet man die Einstellung eines Werktätigen zu seiner Berufstätigkeit. Es können seit der Neuzeit verschiedene Formen der Arbeitsethik unterschieden werden, deren bekannteste die so genannte protestantische Arbeitsethik und die Hackerethik sind. Arbeitsethos meint die positive Sichtweise und sorgfältige Ausübung und Wertschätzung von Arbeit.» (aus Wikipedia)
Nun ergründen wir weiter – was ist Ethos? Abermals Wikipedia: «Das Ethos als philosophischer Begriff bezeichnet die dem Einzelnen vorgängige und ihn mitprägende Lebensgewohnheit. Die Ethik als philosophische Disziplin versucht ein bestimmtes Ethos zu begründen oder ein überkommenes kritisch zu reflektieren.»
OK, da ist es: positive Sichtweise auf die Arbeit (die des Hackens). Und die Ethik begründet das dann. Ein Blick auf die beim CCC veröffentlichten Sätze zeigt uns aber, dass wir keine Begründungen finden (die Ethik) sondern mit viel Wohlwollen den Ethos.
  • Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.
  • Alle Informationen müssen frei sein.
  • Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung
  • Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.
  • Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.
  • Computer können dein Leben zum Besseren verändern.
  • Mülle nicht in den Daten anderer Leute.
  • Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

 

Jeder Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist richtig, als Postulat durchaus geeignet: «Ein Postulat ist ein Grundsatz, den man akzeptieren kann oder nicht. Derjenige, der in einer Diskussion etwas postuliert, stellt eine ihm plausibel erscheinende These auf und „fordert“ deren Anerkennung, ohne sie beweisen zu können.» (aus Wikipedia) aber als Ethos oder gar Ethik? Nein. Es findet sich weder ein stringenter inahltlicher Aufbau oder Zusammenhang noch eine sprachlich gleichbleibende Qualität. Beides darf man erwarten – aber hier nun jeder der Sätze auseinander genommen, damit sich jeder selbst ein Bild über die sprachliche Qualität machen kann:

 

«Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.»
Der Satz ist im Konjunktiv I geschrieben, der in diesem Fall nicht für die indirekte Rede verwendet wird, sondern als Optativ (Wunschform). er drückt also einen Wunsch aus. Leider ist nicht ersichtlich, was «allem, was die einem Zeigen kann, wie diese Welt funktioniert“» ist. Schön ist die Verknüpfung mit Computern – es wird gesagt, dass Computer defintiv etwas sind, was uns die Welt erklärt. Diese Aussage wird nicht belegt.

 

«Alle Informationen müssen frei sein.»
Hier steht eine Forderung nach etwas. Der Freiheit von Informationen. Leider hat der Autor vergessen, mitzuteilen, was passiert, wenn Informationen nicht frei sind. Wir finden hier die leichteste Form des Verbs „müssen“ – es finde keine Konsequenzen statt, wenn Informationen nicht frei sind, es gibt keinerlei Reaktion auf die Unfreiheit von Informationen.

 

«Misstraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung»
Die Begründung, warum Autoritäten zu misstrauen ist und warum Dezentralisierung gut ist bleibt der Autor leider schuldig.

 

«Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.»
ein klassisches Postulat, das ethisch nicht abgesichert ist (auch, wenn ich den Inhalt des Postulats teile und gut finde)

 

«Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.»
Man entschuldige mir die Polemik, aber man kann mit einer Kettensäge Kunst und Schönheit schaffen. Dies ist ein ganz klassisches Postulat. Warum ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass man mit einem Computer genau das kann? Welches ethische Problem wird mit diesem Satz beschrieben? Dass man mit einem Computer zerstören kann? Auf mich wirkt dieser Satz wie eine Gewissenberuhigung.

 

«Computer können dein Leben zum Besseren verändern.»
Auch hier wieder meine Polemik: Ein Eiskratzer kann mein Leben zum Besseren verändern. Zu welchem Besseren können Computer also mein Leben verändern? Warum können sie das? Lauter ungeklärte Fragen.

 

«Mülle nicht in den Daten anderer Leute.»
Hier steht das erste Mal eine Forderung: Nicht müllen. Der Autor bleibt uns schuldig, was denn genau mit «müllen» gemeint ist und ohne diese Klärung ist die gesamte Forderung nicht verständlich.

 

«Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.»
Die zweite Forderung in dieser Aufreihung, die zum ersten Mal ganz klar sagt, was sie will und fordert. Heute müssen wir aber die Diskussion führen, welche Daten öffentlich und welche privat sind – diese wird ja im Augenblick woanders geführt und ich hoffe, dass Aluhüte und Spackeria zu einem Ergebnis kommen.

 

Zusammenfassend bleibt mir nur die Hoffnung, dass in der Hackergemeinde endlich eine breite Diskussion geführt wird, was ethisch vertretbares Handeln ist und endlich eine echte Ethik nieder geschrieben wird – eine Ethik, die diesen Namen verdient und allgemein gültig bleibt.
Wie ich die Hackergemeinde aber kennen gelernt habe, ist dies ein Wunschtraum meinerseits und so werden noch in 10 Jahren einige Hacker fordern, dass sich Menschen für allgemein gültiges Handeln an dieser Ethik, die keine ist, orientieren.

20 Antworten zu “Ethik, die keine ist”

  1. Sylvia sagt:

    Es soll Gegenden geben, in denen die 10 Gebote auch als ethische Grundlage für Entscheidungen gelten und die würden deinem Anspruch an eine Ethik auch nicht genügen, da im Allgemeinen ebenso die Begründung fehlt.

    Die Aussagen der Hackerethik sind doch eher als allgemeine Prinzipien gedacht und nicht als detaillierter Leitfaden für jede mögliche Situation.

    Würde man zu sehr in die Details und Begründungen gehen, dann fehlt irgendwo die Allgemeingültigkeit. Die Konsequenzen einer Ethik und die genaue Auslegung soll doch eigentlich auch im Alltag und der Diskussion ausgearbeitet werden.

    Die Frage ist ob die oben beschriebenen Aussagen der Hackerethik in der Form noch gültig sind, oder ob sie zu einfach für die aktuellen Probleme sind und erweitert werden müssen.

    • Stephan Urbach sagt:

      Die 10 Gebote sind keine Ethik, sondern die Grundlage für die kirchliche Ethik. Die Ethik entsteht erst aus dem beschreiben der darin enthaltenen Gebote (Postulate).

      Auch als allgemeine Prinzipien geht die „Hackerethik“ nicht durch. Ein Prinzip steht als Gesetzmäßigkeit über anderen – es ergibt sich eine Kette. Prinzip A steht über Prinzip B, B folgt unter umständen aus A.

      Die Konsequenzen einer Ethik sind eben nicht im Alltag auszuarbeiten, sondern mit der Ethik zusammen zu erstellen – Änderungen sind dann wiederum aufgrund der Diskussion möglich. Viele versperren sich aber der Diskussion und verkennen, dass es sich bei der Hackerethik eben nicht um allgemein gültige Handlungsanweisungen handelt.

      • Sylvia sagt:

        Ok. Also zusammenfassend gilt einfach, das die Hackerethik nicht den Ansprüchen an eine Ethik genügt und deswegen eigentlich nicht als solche bezeichnet werden sollte.

        Sie könnte eher als eine Ansatz für eine auszuarbeitende, tatsächlich dem Wort entsprechende, Hackerethik dienen.

    • Sylvia sagt:

      Mir wurde gerade erzählt, das es Leute gibt, die darauf bestehen sollen, die Hackerethik eine Ethik nennen zu wollen, was den Kontext für mich ein wenig verändert.
      Deswegen, nevermind was ich da oben geschrieben habe.

  2. Andreas sagt:

    Ich wüsste nicht, warum Hacker eine eigene Ethik bräuchten. Und allgemeine politische Handlungsweisen dann auch noch darauf zurückzuführen ist abwegig.
    Kants kategorischer Imperativ und die Goldene Regel sind doch vollkommen ausreichend. Ethik soll uns dabei helfen Interessenskonflikte möglichst fair zu lösen, da helfen diese Allgemeinplätze in der Tat nicht weiter (genauso wenig wie die christliche Moral im Übrigen).

    Wofür plädierst du mit diesem Blogbeitrag eigentlich?

    • Stephan Urbach sagt:

      Die Hacker haben schon eine eigenen (Nicht)-Ethik – diese habe ich hier ja breit zitiert.

      Kants kategorischer Imperativ ist durchaus ausreichend, aber den meisten Menschen nicht erklärend genug im Bezug auf ihr eigene Handlungsweise bzw. Problemstellung.

      Worauf ich plädiere? Steht im letzten Absatz.

      • Andreas sagt:

        Kants kategorischer Imperativ ist nicht ausreichend, denn ein schlechter Mensch hat kein Problem damit, wenn seine Handlungsprinzipien zum allgemeinen Gesetz würden, vor allem dann, wenn derjenige sich selbst über das Gesetz stellt. Daher muss zwingend noch die Goldene Regel mit aufgenommen werden.

        Du willst also eine Diskussion in Gang setzen? Ok, das ist natürlich legitim, aber auf der anderen Seite: Warum sollten Hacker sich plötzlich philosophische Gedanken machen, das haben doch bereits andere gemacht. Sie müssen sich meiner Meinung nach nur zu humanistischen Werten bekennen, da muss man nichts Neues erfinden. Der Mensch hat sich auch im digitalen Zeitalter nicht wesentlich verändert, manche glauben das nur 😉

  3. Mark Neis sagt:

    Du hängst dich sehr lange daran auf zu erläutern, weshalb die sog. Hackerethik keine solche ist, um dann in einem lapidaren Satz zu bedauern, dass es sich wahrscheinlich nie ändern wird. Sorry, greift mir zu kurz.

    Das Entscheidende steht in einem deiner Kommentare eben: Der Kategorische Imperativ reicht völlig aus, ist nur leider unkonkret. Mir gefiele es besser, ausgehend davon eine „echte Ethik“[tm] zu formulieren und diese dann zur Diskussion zu stellen.

    • Stephan Urbach sagt:

      Da verweise ich gerne noch einmal auf meinen letzten Absatz. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren aber ich gehe ehrlich gesagt nicht davon aus. Aber ich hoffe, dass dieser Prozess des Formulierens irgendwann™ passiert.

  4. […] durch den CCC formuliert und propagiert. Herr Urbach hat sich heute die Zeit genommen und die Probleme der “Ethik” herausgearbeitet. Ihm ist vor allem aufgefallen, dass die “CCC Hackerethik” keine Ethik im wirklichen […]

  5. tante sagt:

    Nach Stephans richtiger Analyse habe ich mal angefangen eine neue Hackerethik zu skizzieren: http://the-gay-bar.com/2011/06/01/eine-neue-hackerethik/.

    Bei weitem nicht perfekt, aber dafür ists ja eine Skizze. Freue mich auf Feedback und Kommentare.

    • Stephan Urbach sagt:

      Danke für diesen Ansatz – würde bei dir im Blog kommentieren, wenn ich denn dort dürfte 😀 Aber leider mag dein Blog meine Emailadresse nicht

  6. Oliver Tacke sagt:

    Hiho!

    Wir hatten uns ja auf Twitter schon mal dazu ausgetauscht :-) Was einige Mitglieder des CCC daraus für Politik oder was auch immer ableiten, dafür waren die 5/7 Aussagen nie gedacht.
    Es handelt sich dabei (die ersten 5) um Eindrücke des Journalisten Steven Levy, die er von der Truppe am M.I.T. gewonnen hat. Die Aussagen sind weder ein geplantes, konsistentes System von Regeln, noch wurde damit missioniert.
    Die mangelnden Erläuterungen, die du monierst, finden sich in der Quelle, im Buch „Hackers“ (Jubiläumsausgabe) ab Seite 27.

    • Stephan Urbach sagt:

      Hi Oliver,

      es ist ja nicht nur, dass einige diese Sätze als Grundlage poilitschen Handelns sehen wollen – ich bin der Meinung, ich habe gut dargelegt, warum es keine Ethik ist.

      Ich weiß durchaus, wo diese Sätze herkommen, aber es wird damit missioniert. Sie werden als Ethik verkauft, die sie nun einmal nicht sind.

      Auf bald!
      Stephan

  7. Tharben sagt:

    Die hackerethik ohne ihren historischen Hintergrund zu betrachten, ist schlicht dumm.

    • Stephan Urbach sagt:

      Die Hackerethik ohne ihren historischen Hintergrund zu vermitteln und nicht in das Jetzt zu bringen ist auch schlichtweg dumm.

      Wo ist denn der historische Hintergrund? Wo ist denn der Ethos und die erklärenden Sätze, die sie zur Ethik werden lassen? Get over it, es ist keine Ethik – und das habe ich dargelegt.
      Wenn Du der Meinung bist, dass es eine Ethik ist, dann erkläre es. zeige, dass es eine Ethik ist, ich lasse mich gerne vom Besseren überzeugen.

  8. Sanja sagt:

    Als Ethik würde ich diese Grundsätze auch nicht bezeichnen. Schon alleine der Satz, dass Computer das Leben verbessern können, ist eben eine These, aber keine ethische Richtlinie. Für mich persönlich reicht wie in vielen anderen Bereichen auch die „Goldene Regel“, denn sie umfasst mit einem Satz mehr als so manches Gesetz. Das Selbstbild des Hackers, das durch den CCC beworben wird, entspricht ohnehin nicht der Einschätzung der breiten Bevölkerung und daran werden auch ein paar Leitsätze nichts ändern. Hacken ist, vielleicht auch bedingt durch die Medien, inzwischen Synonym für unethisches Verhalten, weil damit Wörter wie Phishing, Datenklau etc assoziiert wird und eine Bedrohung für die Bürger.

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