Gastbeitrag: Anatol Stefanowitsch – Sprachbrocken 15

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Auf dem Bundeskongress der Altphilologen in Erfurt hat der Österreichische Bildungsminister Karlheinz Töchterle eine überraschende aber höchst plausible Lösung für die „derzeitige Krise“ im Bildungssystem präsentiert: Mehr Lateinunterricht! Denn gerade in Krisenzeiten, so zitiert die Thüriger Allgemeine den promovierten Altphilologen, seien häufig sprachliche und literarische Rückbesinnungen zu beobachten. Außerdem vermutet er positive Auswirkungen auf die Muttersprache der Schüler/innen: „Mit Latein können Schüler modellhaft lernen, wie Sprache funktioniert und damit die eigene Sprache mit ihrer Grammatik besser verstehen.“ Nennt mich verrückt, aber könnten sie nicht auch anhand ihrer eigenen Sprache(n) modellhaft lernen, wie Sprache funktioniert? Und hätte das nicht den Vorteil, dass die Unterrichtszeit, die sonst auf das Erlernen einer toten Sprache verschwendet würde, für Nebensächlichkeiten wie moderne Fremdsprachen zur Verfügung stünde, an denen man modellhaft lernen könnte, wie man sich mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen unterhält?

Andererseits könnte ein wenig klassische Bildung den einen oder anderen Shitstorm verhindern. Wir erinnern uns, wie es dem Firmensprecher von Schlecker (kennen Sie Schlecker noch?) seinerzeit beinahe gelungen wäre, durch ein klares Bekenntnis zu einem an der Sprachkunst der Antike orientieren Sprachstil die Empörung über die Tatsache, dass er die Kunden seiner Firma für dumm und ungebildet hielt, schon im Keim zu ersticken. Wie ungeschickt erscheint im Vergleich zu dieser altphilologischen Eleganz die Antwort „roflcopter gtfo“, mit der die Piratenpartei dieser Tage auf das absolut nachvollziehbare Ansinnen eines selbsternannten Parteinamenwarts reagierte, sie mögen doch bitte ihren Namen in etwas weniger piratiges ändern. Dass hier kein Shitstorm losbrach, lag sicher nur daran, dass niemand wusste, was dieses kryptische Akronym bedeuten könnte. Der Westen schuf flugs Abhilfe, in dem er einen „Grundwortschatz zum Chatten“ veröffentlichte. Darin wird ausfühlich diskutiert, was roflcopter bedeutet, und auch geheimnisvolle Neuwörter wie lol, nope und sry werden erläutert. Was gtfo heißt, mochte man den Leser/innen wohl nicht zumuten. Wir sind weniger zimperlich: Es bedeutet in etwa „Extra omnes, vel pedicabo ego vos et irrumabo“.

Aber es gibt Hoffnung: Zwar verfällt der Sprachgebrauch der Jungend mit zunehmender Geschwindigkeit, aber dafür, berichtet die AFP, haben französische Forscher gezeigt, dass Paviane lesen können. Na gut, nicht „lesen“, eher „Kombinationen von Buchstaben von anderen Kombinationen von Buchstaben unterscheiden“, was aber natürlich weniger catchy klingt. Aber immerhin bedeutet das, dass man in der Pressestelle der Piratenpartei einen Pavian beschäftigen könnte, um den ausgehenden E-Mail-Verkehr auf potenziell injuriöse Akronyme zu kontrollieren. Er könnte sogar das beleidigende GTFO vom frölich-harmlosen TGIF und das anstößige WTF vom lobenden FTW unterscheiden. Fäkalausdrücke im mündlichen Sprachgebrauch könnte so ein Pavian leider nicht verhindern, dafür bräuchte man mindestens einen Ältestenrat.


Dies ist ein Gasbeitrag von Anatol Stefanowitsch.

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7 Antworten zu “Gastbeitrag: Anatol Stefanowitsch – Sprachbrocken 15”

  1. phaeake sagt:

    Meiner Meinung nach kann man das Funktionieren von sprachlichen Strukturen in der Tat besser am Beispiel einer Sprache lernen, die man nicht als Muttersprache spricht, weil man in seiner Muttersprache zu viel automatisiert, also unreflektiert richtig macht.

    Wenn es noch eines Beweises der Überlegenheit der lateinischen Sprache gegenüber der englischen bedurft hätte, hätten Sie ihn mit der Übersetzung von gtfo ins Lateinische geliefert.

  2. […] Anatol Stefanowitsch – Sprachbrocken 15: “…hätte das nicht den Vorteil, dass die Unterrichtszeit, die sonst auf das Erlernen einer toten Sprache verschwendet würde, für Nebensächlichkeiten wie moderne Fremdsprachen zur Verfügung stünde, an denen man modellhaft lernen könnte, wie man sich mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen unterhält?” … stephanurbach […]

  3. Pompeius sagt:

    > „Mit Latein können Schüler modellhaft lernen, wie Sprache funktioniert und damit die eigene Sprache mit ihrer Grammatik besser verstehen.“
    > Nennt mich verrückt, aber könnten sie nicht auch anhand ihrer eigenen Sprache(n) modellhaft lernen, wie Sprache funktioniert?

    Die Entgegnung ist schon richtig. Nur müsste man dann eben Englisch und Französisch so unterrichten, wie man Latein unterrichtet. Das war in frühreren Zeiten tatsächlich mal so. Irgendwann hat sich dann der „kommunikative Wandel“ durchgesetzt und man fand es sinnvoller, zu lernen „wie man sich mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen unterhält“. Genau wie Sie schreiben.

    Man könnte womöglich auch beides an der gleichen Sprache machen. Also kleinteilig Satzteile auseinanderflücken usw. und zusätzlich einen immersiveren Ansatz pflegen. Es geht nur nicht beides gleichzeitig und es bräuchte entsprechend mehr Unterrichtszeit.

    Bitte entschuldigen Sie aber meine Kollegen zu einem gewissen Grad. Mit fadenscheinigen Argumenten zu begründen, warum Latein superdoppelplusgut ist, wird sogar den Studenten anerzogen. Ich erinnere mich noch an die erste Stunde Fachdidaktik und es ging darum, wie man Eltern erklärt, warum Latein wichtig ist (im Gegensatz zu Französisch). Da bleiben gewisse pawlowsche Reflexe wahrscheinlich nicht aus.

    Lassen Sie uns insofern frohlocken, dass nicht schon wieder „Latein ist eine logische Sprache“ kam. Abgesehen davon, dass wir gleichsam nur die Goethes und Shakespeares überliefert haben und daher verständlicher Weise eine andere Sprachebene, als sie der Mann von der Straße gepflegt haben dürfte, fühle ich mich dann immer genötigt mit <> zu antworten. Dass man an Latein über die Strukturen von Sprache lernen kann, scheint zumindest sinnvoll und der Kollege von der Allgemeinen Sprachwissenschaft, weint sich schon mal bei mir aus, wenn die Studenten kein Latein hatten.

    Wenn mich Leute fragen, warum Latein toll ist, versuche ich die Faszination zu beschreiben, die Gedanken von Personen zu lesen, die seit über 2000 Jahren tot sind, wie man sich schon damals über den Sinn und Unsinn von Konsumsteuern stritt und wie im krassen Kontrast dazu zwei Seiten später der Autor beschreibt, dass es unbedingt geboten sei eine 400-köpfige Sklavenfamilie hinzurichten. Wie damals Scherze und intertextuelle Anspielungen verwandt wurden und natürlich, was pedicabo vos et irrumabo heißt.

    [[Extra omnes, vel… halte ich übrigens für nicht sehr grammatisch.]]

  4. phaeake sagt:

    Auch für das etwas abgedroschene Argument der so wunderbar logischen Sprache Latein möchte ich durchaus eine Lanze brechen. Einen Satz so aufzudröseln wie eine Gleichung, seine Satzglieder so hin- und herzuschieben wie die Gewichte auf einer Waage ist für das Sprachverständnis schon eine fundamentale Erfahrung, die man m.E. im Umgang mit den vulgärlateinischen Dialekten oder gar mit den germanischen Sprachen lange suchen muss.

    [[Extra omnes, vel… halte ich übrigens für nicht sehr grammatisch.]]
    (((Und ist nicht statt „vel“ eher „aut“ gemeint?)))

  5. […] Beitrag erschien ursprünglich als Gastbeitrag hier, wo auch Kommentare dazu zu finden sind.] […]

  6. […] macht man sich ein bisschen über die angebliche Modellhaftigkeit des Lateinischen lustig und schlägt vor, doch lieber moderne Fremdsprachen oder Piratisch zu lernen, und kurz darauf […]

  7. […] Auszeit der SciLogs-Server heute früh (und gestern Nacht, und heute Vormittag) sind die Sprachbrocken 15/2012 als Gastbeitrag bei Stephan @herrurbach Urbach erschienen. Für seine schnelle Hilfsbereitschaft noch einmal […]

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