Gastbeitrag: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt

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Öl Bild von Franz Schubert, W. A. Rieder, 1875

Über Schubert, Goethe und die Remix-Kultur

Der Piratenpartei und ihren Mitgliedern wird in letzter Zeit vieles vorgeworfen. Ein ganz besonderer Vorwurf, der im Verlauf der vergangenen Wochen erhoben wurde, ist der einer Kultur- und Intellektuellenfeindlichkeit. Hier wird in der aufgeregten Diskussion ein Aspekt fast völlig übersehen, der in den Überlegungen der Piratenpartei immer eine wesentliche Rolle gespielt hat – die Gefahren, die vom Urheberrecht für die Fortentwicklung der Kultur ausgehen und der daraus erwachsende Reformbedarf.

Beginnen wir mit einem Beispiel aus dem 19. Jahrhundert.

1815 vertonte Franz Schubert Goethes Ballade Erlkönig und veröffentlichte diese Komposition nach mehreren Revisionen im Jahre 1821 als sein Opus 1. Wir wissen, daß Schubert das Stück an Goethe schickte, der es jedoch kommentarlos zurückschicken ließ. Goethe schätzte Schuberts Kompositionen aus ästhetischen Gründen nicht. Er hielt es mit Carl Friedrich Zelter, einem seiner wenigen engen Freunde, der ebenfalls zahlreiche Gedichte Goethes in Musik umsetzte und der als Komponist heute praktisch vergessen ist. Die Geschichte des schubertschen Musikstücks geht jedenfalls weiter, Liszt transkribierte es für Klavier solo, wie übrigens viele andere Werke Schuberts, und Berlioz schrieb eine Orchestrierung der Klavierbegleitung. Schuberts Vertonung des Erlkönig, bei weitem nicht die einzige, ist heute sicher die berühmteste und gilt als eine der bedeutenden Liedkompositionen der Musikgeschichte.

Was ist hier passiert? Ein großer Dichter schreibt ein Gedicht, ein großer Komponist vertont es, andere Komponisten bearbeiten diese Vertonung, und die Werke entfalten eine Wirkung auf die Kultur der nachfolgenden Jahrhunderte, mit Parodien, Nachdichtungen, Kompositionen, Grafik und Malerei bis in die heutige Zeit.

Es ist aber fraglich, was davon angesichts des heutigen Urheberrechts noch möglich wäre. Wäre bei einer Schutzfrist von 70 Jahren eine Veröffentlichung der Schubert-Komposition überhaupt vor 1902 erfolgt? Goethe starb bekanntlich 1832. Und wie sähe es mit den anderen etwa 600 Schubert-Liedern aus, die meisten davon Vertonungen zeitgenössischer Dichter?

Die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte ermöglicht es vielen, eigene Werke und die Werke anderer zu rekombinieren, zu verfremden, in neuen Werken zu verarbeiten und die Ergebnisse weiterzugeben. Zum Beispiel auf YouTube werden Filme, Musik, eigene Aufnahmen, Zeichnungen, Gemälde und Fotos zu neuen Kunstwerken. Zusammenfassend nennen wir es Remix-Kultur.

Einen wirklich fundamentalen Unterschied zur beispielhaften Werkgeschichte des Erlkönig gibt es hier nicht. Den vorhersehbaren Einwurf, es handle sich hier wohl kaum um Künstlerinnen und Künstler vom Range eines Goethe, Schubert oder Liszt darf man keinesfalls gelten lassen. Wer will hier urteilen, und vor allem, wer will aus diesem ästhetischen Urteil Gesetzmäßigkeiten ableiten, die in Recht münden? Schließlich – Wilhelm Müller, der Dichter der Winterreise, wäre ohne Schuberts Kompositionen wohl völlig vergessen, und Schubert war zu Lebzeiten auch nicht der weltberühmte Komponist, der er heute ist.

Niemand, wirklich niemand, wünscht Künstlerinnen und Künstlern Schuberts Leben und Sterben in bitterer Armut. Aber wir sollten uns auch keinen Schubert wünschen, der über der Angst vor Streitigkeiten um Urheber- und Verwertungsrechte das Komponieren aufgegeben hätte.


Der Beitrag stammt von Gerhard Anger ist zeigt die Absurdität von Schutzfristen von einer weiteren Seite.

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8 Antworten zu “Gastbeitrag: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt”

  1. steffen sagt:

    Das ist ein Beispiel dafür, das zu lange (!!) Schutzfristen schädlich sind. Aber wie war es mit den auf dem Chemnitzer Parteitag geforderten (und mittlerweile etwas entschärften) gänzlichen Wegfall von Schutzfristen bei privater Nutzung und nach 10 Jahren für kommerzielle Verwendung?
    Nicht jeder Autor kann recherchieren, schreiben, promoten und vermarkten! Daher gibt es Verwertungsgesellschaften, die Künstlern einen Teil dieser Tätigkeiten abnehmen. Das diese wiederum ihre Rechte schützen, ist auch klar. Hier muß eine Regulation (Reform) greifen, die auch den Künstler die Wahl des Geschäftsmodells (ich sag mal griob Eigenvermarktung bzw. Fremdvermarktung) ohne Benachteiligung durch die Wahl ermöglicht.

  2. Hans Retep sagt:

    Das historische Beispiel ist schön gewählt, die Remix-Kultur wird vorbildlich voran geschickt, nur wollen die Piraten das Kopieren ja nicht aufs Remixen beschränken. Damit würde nur eine verschwindende Minderheit vom „Joch“ des Urheberrechts erlöst. Das Problem ist und bleibt die 1:1-Kopie, wobei 1:1 nicht wörtlich zu nehmen ist, nach meinen Erfahrungen wird bei Texten als erstes der Name des Autors weggelassen. Was kann man dagegen tun? Schärfere Gesetze? Bitte nicht. Man könnte sich für eine Kultur des Verlinkens statt des Kopierens einsetzen. Mir scheint dieser Zug jedoch abgefahren, zu sehr haben sich Piraten und andere „Reformierer“ auf die Segnungen der Kopie versteift, siehe Remix-Kultur, womit sich der Kreis schließt.

    • schlumpi sagt:

      Ich würde mich dem nur sehr ungerne so anschließen aus ganz einfachen Gründen. Wir als Gesammtheit bringen unseren Kindern nur bedingt bei, wie man zum Beispiel (richtig) zitiert und Quellenangaben macht, was aber auch kein Wunder ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es zum Beispiel Usus geworden ist in den tradierten Nachrichtenformaten bei Fotos als Quellenangabe Webseiten wie facebook, twitter, Wikipedia etc. zu benennen. Hierbei wird offensichtlich vergessen, dass eben nicht diese Platformen den Conten produziert haben sondern spezifische User – an sich wäre es also eigentlich notwendig als Quelle den User anzugeben, dies wird allerdings nicht gemacht.

      Ich ganz persöhnlich bin der Auffassung, dass viele Piraten die ‚1:1′ Kopie im Sinne von Open Access sehen – das soll natürlich nicht entschuldigen, dass es in der Wirklichkeit Künstler gibt, die vergleichsweise schlecht entlohnt werden für Ihre Werke. Das sollte nicht sein. In diesem Sinne sehe ich den Zug auch noch nicht abgefahren eine Verlinken, statt Kopieren Kultur zu erschaffen. Wir können tagtäglich sehen, dass eben genau dies funktionieren kann (siehe hier Blogosphäre). Aber wie kann man eine solche Kultur betreiben, wenn es so gut wie niemanden gibt, der eben dies genau unseren Kindern erklärt und beibringt?

  3. Nur am Rande, aber vielleicht doch interessant, dass es gerade Goethe war, auf den der Begriff des „geistigen Eigentums“ prägte und als erster einen umfassenden Schutz seiner Werke durch den Staat erreichte:

    http://geschichtsunterricht.wordpress.com/2009/11/23/urheberrecht/

  4. […] urbach: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt – Über Schubert, Goethe und die […]

  5. Martin sagt:

    Ich breche eine Lanze für das Urheberrecht: Einer Freundin bat ich, bevor sie in den Senegal reiste, einige CDs von senegalesischen Musikern mitzubringen. Sie entgegnete, dass es dort kaum ein Angebot gebe. Die CDs gebe es eher in Europa bzw. bei uns als dort.

    Wieso das denn?

    Im Senegal gibt es keinen Urheberrecht. Wer dort eine CD produziert und veröffentlicht, erlebt, dass sie innerhalb von Tagen von vielen kopiert und verkauft wird, ohne dass man eine Mitbeteiligung am Umsatz hat. Das schmälert den eigenen Gewinn. Es gab (oder gibt es weiterhin?) daraufhin einen Boykott der Musiker, ihre Musik auf Medien herauszubringen, mit der Botschaft, sie, die Musiker, könnten, weil so massig geklaut wird, nicht von ihrer Musik leben.

    Zum o.g. Blogbeitrag stellt sich mir die Frage, ob bei allem Lob auf Remixe der Urheber des Gedichts – hier: Goethe – von der Weiterverwertung etwas hatte. Ich meine: nein, hatte er nicht. Und wenn er was gewollt hätte, hätte er es mangels Recht nicht bekommen können. Ihm ärgerte das, schrieb einen Bittbrief um das Privileg, kein Buchhändler dürfe seine Bücher nachdrucken, und ebnete den Weg für ein Urheberrecht.

    Das Recht eines Urhebers über die gewerbliche Nutzung seiner Werke durch Dritte halte ich für eine Errungenschaft im Urheberrecht, die eine Kulturindustrie erst ermöglicht.

    Dass einige Kulturbranchen wie Musik und Film lieber ihre Kunden kriminalisieren statt ihnen zeitgerechte Angebote machen, spricht gegen diese Firmen, jedoch meiner Ansicht nach nicht gegen das Urheberrecht, auf das sie ihre Handlungen begründen.

  6. Puck.152 sagt:

    An dieser Stelle will ich kurz auf http://schutzfristen-irrsinn.de/ hinweisen … da kann dann jeder selber Rechenspielchen machen.

  7. […] Stephan Urbach – Gastbeitrag: Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt […]

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