Ich bin Alltagssexsist V2.0

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Wir sind Alltagssexisten. Wir schauen Leuten auf Brüste und Hintern. In der U-Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße. Werbung mit leichtbekleideten Menschen finden wir gut. Moment, anders: Sie spricht uns an. Einer von uns denkt “Mmmmh, sexy”, und die andere “Ja, sexy. Aber wie verdammt scheiße seh jetzt ich wieder im Vergleich aus?” Wir stören uns nicht an nackter Haut, da stehen wir drauf. Der ganz alltäglichen Objektifizierung können wir aber natürlich nichts abgewinnen.

Wenn uns Leute nach technischen Sachverhalten fragen, erklären wir anders, abhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau fragt. Der eine verändert für Frauen das Niveau nach unten. Die andere wird bei Männern schneller ungeduldig. Außer bei Sexismus, weil sie da der Beitrag von Frauen mehr nervt als der von Männern. Weil sie glaubt, dass Frauen besser wissen, wie sich das anfühlt, und das dem ganzen eine andere Qualität gibt.

Einer von uns schaut beim Überholen der Trantüte vor ihm, ob das eine Frau ist. Der anderen fallen in der Zeit, die der Typ vor dem Haus zum Einparken braucht, siebenundzwanzig “Frau am Steuer”-Witze ein.

Sexismus nervt uns. Unser eigener und der von anderen. Jeden Tag und immer wieder. Und obendrein wirkt die Bezeichnung “Alltagssexismus” paradoxerweise auch noch verharmlosend.

Wir sehen diese Werbung eines Musikversands. In der oberen Bildhälfte spielt ein Mann Klavier, in der unteren Hälfte hat er eine Frau auf sich sitzen. “Play it” steht im oberen, “Feel it” im unteren Teil. Und eine von uns fragt sich, wieviele wohl merken, dass sich hier Frau zu Sex wie Klavier zu Musik verhält. Dann fragt jemand, ob diese Werbung überhaupt objektiv sexistisch sei, und erklärt Diskussionen über Sexismus zu vermintem Gelände. Und eine von uns denkt, das könnte vielleicht an der Art liegen, wie Leute Fragen in den Raum stellen, ohne sich vorher zu informieren, was Sexismus überhaupt ist. Aber “Extrem-Sexisten” findet er auch schlimm. Und wir denken, den ganz alltäglichen Sexismus für irrelevant zu befinden ist aber der größere Teil des Problems.

Wir wollen Sexismus nicht reproduzieren. Wenn wir uns und andere in Förmchen stecken, die Fachleute Stereotypen nennen, stellen wir immer wieder fest, dass viele dieser Förmchen mit Wertungen verbunden sind, die den Menschen nicht gerecht werden. Aber trotzdem benutzen wir Stereotype überall und jederzeit. Und wenn wir Leute kennen lernen, und die nicht ins Klischee passen, hinterfragen wir nicht das Klischee, sondern machen sie zur Ausnahme von der so oft falschen Regel. Die sind ja gar nicht wie die anderen Frauen/Ausländer/Unterschichtler. Und wenn wir was merken, dann schämen wir uns.

Dann versuchen wir, besser aufzupassen und es besser zu machen. Aber Sexismus ist nicht immer einfach zu sehen und nicht darauf zu achten ist so viel bequemer.

Wir wissen, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, ein Problem, das über Dominanzausübung eine Geschlechterhierarchie schafft und aufrecht erhält. Dass Sexismus jedes “Hübscher Arsch, Uschi” ist, obwohl Uschi niemanden nach der Meinung über ihren Arsch gefragt hatte, jede “Männer sind so, Frauen sind so”-Verallgemeinerung, jedes Mal, wenn Frau beim Knutschen thematisiert wird, dass sie größer ist als er, all die Sandwich-Witze, die – ironisch oder auch nicht – davon ausgehen, dass das natürliche Soziotop der Frau die Küche ist, jeder Vorwurf von Stutenbissigkeit und Zickenkrieg, all die fehlenden Frauen in Chefetagen und Politik, das Gender Pay Gap, und jedes Mal, wenn sich bei konservativen Heteropärchen der Mann fürs Müll runterbringen toll vorkommt, jedes Schl–, -otze, Pussy, jeder aufgedrängte Körperkontakt, und all die “Tu doch nicht so tussig”, “Zieh dich halt nicht so an”, “Wie will die denn auf den Schuhen weglaufen?”, “Man muss denen einfach mal ‘nen Spruch drücken” und “Ich bin da nicht so empfindlich” Sprüche, und jeder Verhaltenstipp an Frauen, wie Sexismus zu vermeiden wäre. Weil das alles zeigt, wer am kürzeren Hebel sitzt und wer mit diesem doofen Hebel gucken muss, wie sie klar kommt. Und das alles ist Teil der sexistischen Matrix.

Darum haben wir den Schritt gemacht von “Was? Ich bin doch kein Sexist!?” hin zu “Doch, wir sind das, und das wird wahrscheinlich nie ganz aufhören”. Und wir versuchen, uns nicht angegriffen zu fühlen, wenn uns jemand auf was hinweist, weil wir daraus lernen.

Wir sind sexistisch, weil wir in einer strukturell sexistischen Gesellschaft leben. Und wir wissen, dass es kontraproduktiv ist, wenn wir uns von den gefühlt schlimmeren Sexisten abgrenzen, um uns ein bisschen besser zu fühlen. Weil sich dann jede_r Einzelne als überhaupt nicht schlimm sehen und so die sexistische Struktur aufrecht erhalten kann, denn was er oder sie beiträgt, macht ja keinen Unterschied. Aber wir glauben ja auch nicht, Rechte sind nur Schläger mit Glatze und Einzelfälle.

Wir sind @herrurbach und @acid23 und @sanczny. Wir sind Alltagssexisten und wir haben den Eindruck, dass ganz viele das Präfix “Alltag-” gründlich missverstanden haben, nämlich nicht auf die Verbreitung bezogen sondern als banal, trivial und nicht so schlimm.

Wir sind Alltagssexisten, aber wir arbeiten daran. Und wir wollen weder Lob noch Kekse, sondern dass Ihr das auch macht.


Dieser Beitrag ist eine überarbeitete und erweiterte Version des Artikels “Ich bin Alltagssexsist… aber ich arbeite dran“.
Crossgepostet bei acid23 und sanczny.

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35 Kommentare zu “Ich bin Alltagssexsist V2.0”

  1. wido sagt:

    Und ich dachte schon, ich wäre alleine.

    Hat doch wieder Ugols Law gegriffen. :)

    Vielen Dank für den Text.

  2. Uwe Wieben sagt:

    Hallo Stephan,

    danke für diesen Artikel …
    Ich möchte mich einfach einmal anschließen:

    AUCH ICH BIN ALLTAGSSEXIST … und gelobe Besserung!

    ru Uwe

  3. tauss sagt:

    Na ja. Hübschen Menschen hinterher zu sehen halte ich für weniger problematisch, als ein Lügner und Mobber vom Schlage Urbach zu sein.

    • acid sagt:

      Abgesehen davon, dass ich diese Beleidigungen bei Stephan absolut unangebracht finde, kann mich zumindest keiner Lügen entsinnen, derer er überführt worden wäre. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen schmeißen.

    • Jonas sagt:

      Besonders viel mühe geben sie sich ja nicht mehr, Stephan zu diffamieren. Können sie das mit dem Lügner belegen oder müssen sie das erst noch “recherchieren”?
      In der Zwischenzeit gebe ich mir auch keine Mühe und nenne sie dass, was sie sind: ein jämmerliches Arschloch.

  4. netzhocker sagt:

    Habe auf der aktuellen Produktion einer ArtDirektorin meinen Rechner geliehen und wollte anfangen zu erklären dann wurde mir bewußt das sie nicht hier wäre wenn sie damit nicht klarkommen würde und der einzige Grund warum ich erklärt hätte war: weil sie eine Frau ist.

    Ich bin Alltagssexist, aber ich arbeite daran. Ich will weder Lob noch Kekse, sondern dass Ihr das auch macht.

  5. Abri sagt:

    +1 & Thx für diese Initiative

  6. map sagt:

    lieber herr tauss, dass sie es nötig haben dieses thema auch noch für sich zu instrumentalisieren spricht für sich. und nicht für sie.

    oder: roflcopter gtfo.

  7. tehmillhouse sagt:

    Könnt ihr mir mal bitte die Augen wieder gerade drehen? Seit ich von diesem Feminismusding mitkriege, sehe ich überall nur noch Sexismus. Es ist grausig. Wo man auch geht, mit wem man auch redet. Nicht mal im eigenen Kopf hat man Ruhe.

    Herr Ober, da ist ein Sexismus in meiner Gesellschaft.

    Jetzt mal im Ernst: Danke für diesen Text.

  8. Martin sagt:

    Ich schaue gerne in hübsche Gesichter und auch gerne auf einen hübschen Hintern. Ich kann nicht so recht begreifen was daran so schlimm ist. Jeder Blick ist auch ein Kompliment. Hätte ich muskulöse Oberarme, ich würde sie sofort zeigen. So finde ich es auch ok (also dass ich keine habe).
    Jemanden Kompetenzen oder Fähigkeiten abzusprechen oder zuzusprechen aufgrund des Geschlechts ist natürlich Quatsch. Mach ich aber auch nicht.
    Sensibel, intelligent, stark, schwach, eloquent, hübsch, meinungsstark, doof usw…, sind keine Attribute, die ich Geschlechtern zuordne. Das käme mir gar nicht in den Sinn.
    Es gibt natürlich Menschen die sehr stark in Sterotypen denken, aber ich finde ihr macht da keinen wirklichen Schritt nach vorne.Ihr reproduziert ja ein Stück weit dieses Stereotypen-Denken, in dem ihr wieder andere Gruppen anklagt. Es trifft sicher nicht die Falschen, aber mir gefällt diese Denkungsart ist mir fremd.

    • SeeroiberJenny sagt:

      Ich finde es komisch, dass du hier eine Anklage an Gruppen rausliest. Die drei sprechen doch explizit von sich selbst.
      Ich glaube schon, das sie einen Schritt nach vorne machen, wenn sie sich Diskriminierungsstrukturen bewusst machen und an sich arbeiten. Vielleicht bist du über diesen Punkt schon hinaus. Beneidenswert! Aber vielleicht magst du auch nicht unbedingt darüber nachdenken ob die Kellnerin mit dem schönsten Hintern das meiste Trinkgeld von dir bekommt? Und nein, nicht jeder Blick ist ein Kompliment, wenn die Einschätzung körperlicher Attribute (zB am Arbeitsplatz) unangebracht ist.

      Ich bin Alltagssexistin, aber ich arbeite daran. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber oft auch erhellend und befreiend.

    • sanczny sagt:

      Ich kann nicht so recht begreifen was daran so schlimm ist. Jeder Blick ist auch ein Kompliment.

      Dein Kompliment gilt Hintern und Brüsten und nicht der Person die zufällig noch mit dran hängt.
      Und du gehst davon aus, das fremde Menschen deine unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit nicht als unangehm empfinden. Klar wirst du auch da wieder die obligatorische nicht-so-eng-Seherin finden, deren Anspruch an Komplimente das vielleicht sogar genügt. Aber die kann nur für sich sprechen und das sagt nichts über die Grenzen anderer Frauen. Bei der Person kannst du starren, soviel ihr euch einig seid. Aber bitte nicht, wo du es nicht weißt, Einverständnis voraussetzen.

      Ihr reproduziert ja ein Stück weit dieses Stereotypen-Denken, in dem ihr wieder andere Gruppen anklagt.

      Erstens seh ich nicht, wo wir Gruppen anklagen. Führ das vielleicht nochmal aus.
      Zweitens denken alle Menschen in Stereotypen. Die haben ja auch ihren Zweck, z.B. das Leben stark zu vereinfachen, indem man nicht jede Person von Grund auf neu einschätzen muss, wo man mit wenigen Informationen ausreichend klar kommt. Das Problem sind nicht Stereotypen an sich (das steht aber auch im Text) sondern die Abwertung von Menschen über falsche Stereotypen.

  9. Housetier84 sagt:

    Danke für den Text ihr 3

    Auch ich bin Alltagssexist und ich merke es viel zu oft aber ich kämpfe dagegen.

  10. Hannes sagt:

    Ein teilweise gelungener Artikel. Mit Übergeneralisierung habe ich allerdings so meine Probleme. Ich bin oft ein fauler Hund, daher fühle ich gut, wenn ich den Müll runter bringe…aber auch wenn ich koche…und genauso wenn ich Feuerholz hacke. Einfach weil ich etwas beitrage (was ich zu selten tue) und nicht weil ich vermeintliche “Frauenaufgaben” (nicht meine Zuschreibung – wurde auch im Familienkreis nicht so sozialisiert) übernehme. Dies nur als Beispiel – Einiges wahr, einiges zu generell beschrieben. Der Ansatz im ganzen dennoch sehr lobenswert. Danke.

  11. Hartmut "hase" Semken sagt:

    DUMMES ZEUG!

    Du/Ihr bringst/bringt zwei Dinge durcheinander, die nicht dasselbe sind!

    Wenn ich eine Frau ansehe und die Figur sexy finde – dann bin ich bekennender Hetero und nicht Sexist.

    Erst wenn ich eine Frau abwerte, ihr Wert als Mensch abspreche, dann bin ich ein Sexist (vorausgesetzt die Abwertung erfolgte, weil sie “ja nur eine Frau sei”).

    Da ist der Knackpunkt.
    Es klingt mir in Eurem Post viel zu dünn hindurch, dass Differenzierung in Ordnung, Abwertung Scheisse ist.

    Keine zwei Menschen sind gleich: jeder macht andere Erfahrungen, erlebt anderes, weiss anderes.
    Wenn man das aber nicht mehr _anerkennen_ darf, weil man sich sofort Abwertung des anderen vorwerfen lassen muss, dann konstruieren wir Tabus, die genau nichts nützen aber massiv Schaden anrichten.

    Das Beispiel mit dem “Computer erklären” ist daher ein gutes.
    In der Tat habe ich schon unterrichtet.
    Und ich habe dabei meine Metaphern, mit denen ich die inner workings eines Zoos aus 100 Dämonen die sich auf einem 32-Maschinen-Park tummelten, erklärte, immer versucht /zielgruppengerecht/ auszuwählen.

    Ich habe also versucht, auf die unterschiedlichen Erfahrungshintergründe meiner Schüler abzustellen: der Supporter bekam andere Metaphern als der Vertriebsingenieur.

    Aber habe ich damit diese Leute /abgewertet/?
    Weil ich ihnen das System /anders/ erklärt habe als der Gruppe davor?

    Auf die Ideen könnte man kommen, denn die Gruppen hatten sehr unteschiedliche Frauenanteile.

    Was nicht heissen soll, dass es keinen Alltagssexismus oder Sexismus gäbe!
    Leider gibt es die und es ist auch gut, richtig und hilfreich, das zu bekennen: dem Bekenntnis geht ja Erkenntnis voraus und diese ist Voraussetzung dafür, dass man sein Herz reinigen kann von solchem Dreck.
    Und grad bei Euch dreien bin ich überzeugt, dass es nicht ein reines Lippenbekenntnis ist und dass der Post dazu dient, Hilfe auch von euren Freunden anzufordern: “hilf mit, dass ich mich ändern kann” ist sehr unterstützenswert.

    Aber die Verwuchselung, die durch gemeinsames Verwursten von Differenzierung und Diskriminierung entsteht, hilft genau _gar_ _nicht_.
    Oder erzeugt in der Folge nur das noch schlimmere Verhalten: Lippenbekenntnisse, gespielte/vorgetäuschte Gleichstellung und zwanghafte Gleichbehandlung.

    Und da muss ich fürchten, dass Ihr drei dieser Art der Falschheit grad mal wieder Vorschub geleistet haben könntet.
    Daher (und weil es so schön provoziert) der Ausbruch am Kopfe dieses kleinen Textes.

    Bekenntnis ist gut, das will ich nicht in Abrede stellen.
    Und Ihr drei lebt m.W. auch das gute Beipiel vor – das anerkenne und lobe ich ausdrücklich.

    Aber bitte helft auch mit, die Lippenbekenntnisse und die gespielte Gleichwertung zu enttarnen, die bei viel zu vielen anderen immer noch im Vordergrund steht bei der Diskussion um sexismus und andere -ismen.

    merci
    hase

    • sanczny sagt:

      Doch, Herr Semken, wenn Sie eine Frau angucken, weil Sie sie sexy finden, und Ihnen nicht mal der Gedanke kommt, dass die Frau mit Ihrer sexuellen Aufmerksamkeit ein Problem haben könnte, dann ist das sexistisch. (Schauen Sie mal, was ich oben an Martin replied hatte, der war derselben Meinung.)

      • Introjekt sagt:

        Wow, Sanczny manche sehen das alles nicht so eng. Wenn man nicht unangenehm starrt ist es durchaus okay andere sexy zu finden und sie anzusehen.
        Das ist natürlich etwas was für dich anscheinend schwer zu begreifen ist, das man auch flexibel in verschiedenen Situationen reagieren kann und nicht starren Regeln folgen muss, damit man nicht in Gefahr gerät Sexist zu sein.

  12. Euer Text hat bei mir spontan zwei Assosziationen hervorgerufen: 1) an öffentliche vorauseilende Selbstanklagen von Mitgliedern des sowjetischen Komponistenverbandes unter Tichon Chrennikow (1940er und 1950er Jahre), die sich der Abweichung vom Credo des “sowjetischen Realismus” und des “Formalismus” bezichtigten, und 2) an die privaten oder gemeinschaftlichen Gewissenserforschungen in christlichen Gruppierungen (“Ich bekenne …. durch meine Schuld …”).

    Beide Assoziationen verstehe ich nicht wertend oder gar abwertend und ich bitte herzlich darum, solches nicht zu unterstellen.

    Christentum, Kommunismus und Feminismus haben gemeinsam, daß sie Utopien sind, Realutopien mit dem Anspruch auf Verwirklichung im Hier und Jetzt, die sich mit der Verfaßtheit des Menschen nicht zufrieden geben, sondern nach seiner Vervollkommnung streben.

    Das kann einem zunächst nicht unsympathisch sein, denn jede Philosophie und Weltanschauung strebt danach, den Menschen ihr eigentliches “Mensch-Sein” zu ermöglichen und im geistigen wir gesellschaftlichen Fortschritte zu machen. Und ist nicht der Mensch “ein König, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt”?

    Utopien setzen voraus, daß der Mensch ein defektes Wesen oder wenigstens kein perfektes Wesen ist und daß er sich, wie der Aufklärer Kant sagt, “sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit” befreien kann; das Christentum nennt diesen Zustand “die Fesseln der Sünde” und spricht dem Menschen die Fähigkeit zu, sich davon in Selbsterkenntnis zu lösen und den Weg des Heiles einzuschlagen.

    Dieses Vermögen, sich – zum Besseren wie zum Schlechteren – zu verändern, setzt wenigens eine bedingte Willens- und Handlungsfreiheit voraus, der Mensch versteht sich nicht als Maschine, in der ein jahrmillionen-altes Programm abläuft, das über Instinkte und Prägungen sein Verhalten dominiert und steuert, sondern als selbstbestimmt handelndes Subjekt.

    Die Erkenntnisse der (Verhaltens-)Biologie und der Anthropologie sagen uns, daß unsere Selbstbestimmung jedoch nicht im biblischen Sinne uns über die Natur im allgemeinen und unsere humane Natur heraushebt (die wir uns untertan machen können), sondern daß wir Menschen mit einer Hardware unser Leben meistern, die seit einigen zehntausend Jahren keine technischen Updates mehr bekommen hat und folglich unsere Begrenztheit im Umgang mit sich immer rasanter fortschreitenden Entwicklung eben auch körperlich bedingt ist: die Grundroutinen unserer Problemlösungsstrategien und Irrtümer haben sich seit der Zeit, da wir aufrecht zu gehen lernten, nicht geändert.

    Das, was wir als Begrenzungen, wertend als Fehler- oder Sünhaftigkeit, wahrnehmen, scheinen mir in vielen Fällen Begrenzungen zu sein, die unsere Natur selbst “verursacht”, da wir wir alle Lebewesen auf unserem Planeten auf Vermehrung bzw. Arterhaltung programmiert sind, weil Menschen sich sexuell vermehren, ist Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit zweifelsohne Teil unseres Mensch-Seins.

    In der christlichen Utopie sagt Jesus Christus “jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, [hat] schon Ehebruch mit ihr begangen … in seinem Herzen” (Matthäus 5,28), in der feministischen Utopie “schauen [wir] Leuten auf Brüste und Hintern” und sind ebenfalls Sünder bzw. Sexisten, denen Christus als Patt-End-Lösung sagt: “wenn aber dein rechtes Auge dir Anlaß zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir” (Mt 5,30).

    Die Mahnung, unsere Mitmenschen als Subjekte wahrzunehmen und mit ihnen gleichberechtigt zu interagieren, ist Feminismus und Christentum (um nur diese beiden zu nennen) gleich und ich halte diese Forderungen als allgemeine Handlungsmaximen für im positiven Sinne utopisch und wertvoll.

    Jedoch bin ich skeptisch, ob jeder abschweifende Blick und Gedanke und jedes abwertende Wort immer mit dem Etikett “Sünde” oder eben “Sexismus” versehen werden muß. Wie die Parallelen im Christentum zeigen, führt übertriebenes Sündenbewußtsein bei sich und anderen in die Enge und nicht in die Weite.

    Und genau dann sind Utopien zu Dystopien geworden.

  13. Sebastian Jurk sagt:

    Hallo,

    geht irgendjemand davon aus dass Tiere sexistisch sind? Ich glaube sie verhalten sich einfach nur natürlich (kommt von Natur). Und sicher ist ein männlicher Hund der sich für ein Weibchen interessiert kein Sexist. Er folgt nur der Natur.

    Von daher kommt es mir im ersten Absatz so vor wie wenn von den Autoren eine selbstauferlegte Gleichmacherei verfolgt wird die in der Folge irgendwann dazu führen müsste dass man Frauen (als Mann) entsexualisiert oder Männer als ebenso sexuell attraktive Wesen wie Frauen wahrnehmen müsste, der Gleichmacherei willen eben a- oder bisexuell sein müsste.

    Jetzt höre ich schon die Antwort “Blödsinn”… aber ich denke hier wird wiedermal typisch menschlich versucht besser als die Natur zu sein. Sexuelles Interesse allein hat nichts mit Sexismus zu tun. Sexismus ist doch immer dann ein Problem wenn jemand aufgrund seines Geschlechts (geht nicht nur um Frauen) benachteiligt oder herabgesetzt wird. Dabei geht es um verletzte Gefühle.

    Aber sexuelles Interesse ist nicht automatisch Sexismus.

    Grüße!
    Sebastian

    • sanczny sagt:

      Ja, in der Tat ist das Blödsinn. Sexismus stellt über Dominanzausübung Geschlechterhierarchie her. Das Beispiel mit den Tieren taugt also schon mal gar nicht.

      Außerdem geht es nicht um Gleichmacherei, Entsexualisierung etc. … sondern darum, bei unverlangter sexueller Aufmerksamkeit nicht einfach davon auszugehen, dass das so in Ordnung ist. Das ist eine Grenzüberschreitung, und du siehst die Grenze nicht mal. Natürlich ist es herabsetzend, wenn dich die Meinung einer Frau über deine unverlangte sexuelle Aufmerksamkeit nicht interessiert.

      • Sebastian Jurk sagt:

        Eigentlich habe ich doch geschrieben dass Sexismus da anfängt wenn jemand aufgrund seines Geschlechts herabgesetzt oder entwürdigt wird. Was meiner Meinung nach auch beinhaltet dass man jemanden nicht so anschaut dass es dem anderen unangenehm ist. Und dann wirfst du mir vor die Meinung einer Frau zu ignorieren?

        Überhaupt… unverlangte sexuelle Aufmerksamkeit… das ist einfach nur paradox. Das würde doch bedeuten dass man erst fragen muss ob man jemanden sexuell interessant finden darf. Denn ohne Aufmerksamkeit findet man das nicht heraus.

        Ich vermute mal du hast dabei eher eine Art Spanner im Kopf der die Frauen mit Blicken belästigt. Klar ist das Sexismus. Allerdings klingt deine Ablehnung jeglicher sexueller Aufmerksamkeit irgendwie so wie wenn man das von einem präferierte sexuelle Geschlecht nicht mehr darauf prüfen darf ob es für einen sexuell interessant ist.

        Also es tut mir leid… Sexualität ist natürlich und ich sehe noch nicht wirklich wie du dir ein Zusammenleben vorstellst ohne dass Frauen und Männer das für sie interessante Geschlecht “abchecken” dürfen. Natürlich ohne dass es dem anderen unangenehm ist, das hab ich eigentlich, dachte ich, schon im ersten Kommentar klargemacht.

        Erklär mal bitte. Ich bin mir noch nicht ganz sicher ob du das wirklich, wie es klingt, generell ablehnst oder ob du dabei gleich an Übertreiben denkst. Siehe “Herstellen der Geschlechterhierarchie”.

  14. timo sagt:

    Wenn ich eine Frau angucke, weil ich sie sexy finde, bin ich ein Sexist? Auch wenn sie es nicht bemerkt und sich damit nicht gestört fühlt? Also auch, wenn niemand ein Problem damit hat?

    Wenn ein Blick reicht Sexist zu sein, dann muss man das wohl so akzeptieren. Eine andere Alternative fällt mir nicht ein.

  15. Martina sagt:

    Ihr seit keine Feministen, weil ihr immer noch absolut nichts verstanden habt. Es gibt keinen Sexismus gegen Männer!!!

  16. [...] Das ist glaube ich meistens falsch. Wir leben in einer sexistischen Gesellschaft und in der sind wir alle immer mal wieder alltagssexistisch – ganz oft total ungewollt und ganz oft tut es uns, wenn wir es merken hinterher sehr leid. [...]

  17. […] Stephan, Schweighöfer, Daniel, @sanczny: “Ich bin Alltagssexist V2.0″, Blog-Eintrag, http://stephanurbach.de/2012/06/ich-bin-alltagssexist-v2-0/, abgerufen am 05.08.2013). Ohne bewusste Unterdrückung werden die Meme versuchen, sich in Form von […]

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